Home | LoginKontakt   

German
Englisch
Bibliothek > Historische Schriften zur Alchemie > Turba Philosophorum

DIE VERSAMMLUNG DER PHILOSOPHEN

Arisleus (Archelaos), der Sohn des Pythagoras, einer von den Schülern des dreifach begnadeten Hermes, die Darlegung der Wissenschaft lehrend, allen Nachfahren Frieden und Barmherzigkeit.

 

Ich berichte, daß mein Meister, der Italer Pythagoras, der Meister der Weisen und das Haupt der Seher, ein so großes Geschenk Gottes und der Weisheit besaß, wie es nach Hermes niemandem gegeben wurde. Daher wollte er dessen Schüler, die schon zahlreich geworden und durch alle Länder als Schulhäupter eingesetzt waren, zur Behandlung dieser kostbarsten Kunst versammeln, damit ihre Aussprache eine Grundlage sei für die nach ihm Kommenden. Er befahl aber, daß Eximedrus (Anaximandros) zuerst spreche, der besten Rates (kundig) war.

 

Die Reden der Philosophen

 

Dictum 1

Beginnend sagte er: Ich behaupte, daß aller Dinge Anfang eine gewisse Natur ist, und daß diese ewig ist und alle Dinge zur Reife bringt, und daß die Naturen und ihre Hervorbringungen und Vernichtungen (an) Zeiten (gebunden) sind, für die bestimmte Grenzen, an die sie zu gelangen scheinen, aufgezeichnet werden.

 

Ich lehre euch aber, daß die Sterne feurig sind, und daß die Luft sie in Schranken hält, und daß, wenn die Feuchtigkeit und Dichte der Luft nicht wäre, die die Flamme der Sonne von den Geschöpfen trennte, die Sonne alles Bestehende verbrennen würde. Gott aber hat die Luft als Trennendes gesetzt, damit (die Sonne) nicht verbrenne, was er auf Erden geschaffen hat. Seht ihr nicht, daß die Sonne, am Himmel aufsteigend, durch ihre Wärme die Luft besiegt, nach deren Erwärmung die Wärme zu den unter der Luft befindlichen Dingen gelangt? Und wenndann durch die Geister, von denen die Geschöpfe erzeugt werden, nicht Luft eingehaucht würde, so würde die Sonne alle unteren Dinge mit ihrer Wärme verbrennen... . Und darum bezwingt die Luft (die Sonne und das Wasser), weil ihre Wärme mit deren Wärme und ihre Feuchtigkeit mit der Feuchtigkeit des Wassers verbunden wird. Seht ihr nicht, daß ein feines Wasser in die Luft aufsteigt, wenn die Wärme der Sonne herauskommt, (so daß) die (Sonne) das Wasser gegen sich selbst unterstützt? Und wenn das Wasser die Luft nicht mit einer feinen Feuchtigkeit ernährte, so würde die Sonne die Luft ganz und gar bezwingen. Das Feuer zieht also aus dem Wasser Feuchtigkeit heraus, durch welche die Luft das Feuer selbst bezwingt. Das Feuer und das Wasser sind daher Feinde, zwischen denen keine Verwandtschaft besteht, weil das Feuer warm und trocken, das Wasser aber kalt und feucht ist. Die Luft hat aber auch, da sie warm und feucht ist, zwischen beide ihre Übereinstimmung gestellt: mit dem Wasser durch ihre Feuchtigkeit und mit dem Feuer durch ihre Wärme, und so ist die Luft zwischen ihnen Erzeugerin der Übereinstimmung geworden. Und schauet, alle Weisen, wie der Geist aus dem feinen Dampf der Luft entstanden ist, weil durch Wärme, die mit Feuchtigkeit verbunden ist, etwas Feines herauskommen muß, was ein Geist werden wird. Denn die Wärme der Sonne zieht aus der Luft etwas Feines aus, das sowohl Geist wie Leben wird für alle Geschöpfe. Dies alles aber geschieht nach der Anordnung Gottes. So ist es auch beim Wetterleuchten: wenn die Wärme der Sonne auf eine Wolke trifft und sie zusammendrückt, erscheint das Wetterleuchten.

 

Sagte die Versammlung: Du hast das Feuer gut beschrieben; fahre daher fort.

 

Dictum 2

Sagte Eximedrus (Anaximandros): Ich preise die Luft und erweise ihr Ehre, weil durch sie das Werk (Gottes) verbessert wird, indem sie sich verdichtet und verdünnt und sich erwärmt und abkühlt. Ihre Verdichtung aber findet statt, wann sie (von der Sonne) getrennt wird, infolge der Entfernung der Sonne; ihre Verdünnung dagegen findet statt, wann bei hochstehender Sonne die Luft sich erwärmt und verdünnt. Ähnlich aber geschieht es im Bereich des Frühlings, einer Jahreszeit, die weder warm noch kalt ist. Denn gemäß der Änderung der Anordnung, die für die Änderung der Jahreszeiten getroffen ist, ändert sich der Winter. Die Luft wird also verdichtet, wenn sich die Sonne von ihr entfernt, und dann gelangt die Kälte zu den Menschen; wenn aber die Luft dünn wird, ist die Sonne nahe, und wenn sie nahe ist und die Luft dünn geworden ist, gelangt die Wärme zu den Menschen.

 

Spricht die Versammlung: Du hast die Luft bestens beschrieben und hast berichtet, was du über sie weißt.

 

Dictum 3

Sagte Anaxagoras: Ich behaupte, daß der Anfang aller Dinge, die Gott geschaffen hat, der Glaube ist und die Vernunft, denn der Glaube beherrscht alles, und (auch) in der Vernunft erscheint der Glaube; der Glaube aber wird nur an einem Körper wahrgenommen. Und wisset, gesamte Versammlung, daß die Dichte der vier Elemente auf der Erde ruht, weil das Dichte des Feuers in die Luft fällt, das Dichte der Luft aber, und was sich aus dem Dichten des Feuers anfügt, in das Wasser fällt, und auch das Dichte des Wassers, und was aus dem Dichten des Feuers und der Luft mit hinzukommt, auf der Erde ruht. Seht ihr nicht, daß die Dichte dieser vier Elemente in der Erde vereinigt ist? Sie selbst ist daher dichter als alle andern.

 

Sprach die Versammlung: Du hast wahr gesprochen; die Erde ist sicherlich dichter als die übrigen. Welches also von diesen vier ist feiner, und welches von den vier verdient am meisten, für fein gehalten zu werden?

 

Sagte er: Das Feuer ist feiner als diese vier, und in ihm vollendet sich das Feine dieser vier. Die Luft aber ist weniger fein als das Feuer, denn sie ist warm und feucht, das Feuer aber ist warm und trocken. Das Warme und Trockene nämlich ist feiner als das Warme und Feuchte.

 

Sagten diese: Was ist von geringerer Feinheit als die Luft?

 

Sagte er: Das Wasser, weil in ihm Kälte und Feuchtigkeit ist, und alles Kalte und Feuchte von geringerer Feinheit ist als das Warme und Feuchte.

 

Sprachen sie: Du hast wahr gesprochen. Was ist nun aber von geringerer Feinheit als das Wasser?

 

Sagte er: Die Erde, weil sie kalt und trocken ist, und das Kalte und Trockene von geringerer Feinheit ist als das Kalte und Feuchte. Und wie das Warme und Trockene (das Feuer) feiner ist als das Warme und Feuchte (die Luft), so ist das Kalte und Trockene (die Erde) von geringerer Feinheit als das Kalte und Feuchte (das Wasser).

 

Sagte Pythagoras: Ihr habt wohl gefügt, ihr Söhne der Lehre, die Beschreibung dieser vier Naturen, aus welchen Gott alles erschaffen hat. Glücklich also, wer eure Rede versteht!

 

Sagten sie: So befiehl doch irgendeinem von uns, die Rede fortzusetzen!

 

Sprach er: Rede du, Pandolfus (Empedokles)!

 

Dictum 4

Sagte er: Ich zeige den Nachfahren an, daß die Luft das Feine des Wassers ist, und daß sie nicht von ihm zu trennen ist; wenn also die Erde nicht trocken wäre, würde über ihr das Wasser nicht feucht bleiben.

 

Sagten sie: Du hast gut geredet, vollende also deine Rede!

 

Sagte er: Die in dem unterirdischen Wasser verborgene Luft ist es, die die Erde trägt, damit sie nicht in das unter der Erde befindliche Wasser eintaucht, und die verhindert, daß das Wasser die Erde benetzt. Die (unterirdische) Luft ist daher als etwas Umfassendes und zwischen Verschiedenem, nämlich (zwischen) dem (unterirdischen) Wasser und der Erde, als etwas Trennendes gesetzt, zwischen den Feinden aber, nämlich dem Wasser und dem Feuer, ist sie als etwas Versöhnendes und Trennendes gesetzt, damit sie sich nicht gegenseitig zerstören.

 

Sprach die Versammlung: Wenn du dafür ein verständliches Beispiel gegeben hättest, wäre es für die Nichtverstehenden klarer.

 

Antwortete er: Gern werde ich das tun. Das Beispiel dafür ist das Ei, in dem vier (Dinge) verbunden sind. Seine äußere Schale ist die Erde, und das Eiweiß ist das Wasser; das sehr feine Häutchen aber, das der Schale anliegt, ist das Trennende zwischen der Erde und dem Wasser; wie ich euch angezeigt habe, daß die Luft das die Erde vom (unterirdischen) Wasser Trennende ist. Weiter ist das Eigelb das Feuer, und das Häutchen, das das Eigelb zusammenhält, ist die Luft, die das Wasser vom Feuer trennt; und beides ist eines und dasselbe. Die Luft jedoch, die die kalten (Elemente), nämlich die Erde und das Wasser, voneinander trennt, ist dichter als die obere Luft. Die obere Luft aber ist dünner und feiner, denn sie ist dem Feuer näher als die untere Luft. Im Ei sind daher die vier Elemente dargestellt: die Erde, das Wasser, die Luft und das Feuer. Abgesehen von diesen vier aber ist der ‘hüpfende Punkt’ in der Mitte des Eigelbs, nämlich das Hühnchen. Und darum haben alle Philosophen in dieser vortrefflichsten Kunst das Ei beschrieben und es als Beispiel für ihr Werk gesetzt.

 

Dictum 5

Sagte Arisleus (Archelaos): Wisset, daß die Erde ein Hügel ist und nicht eben, weshalb die Sonne nicht auf einmal über die Klimata der Erde aufgeht. Denn wenn sie eben wäre, würde die Sonne in einem einzigen Augenblick über die ganze Erde aufgehen.

 

Sprach Parmenides: Du hast kurz geredet, Arisleus!

 

Antwortete er: Hat uns denn der Meister etwas zu sagen übriggelassen? Dennoch sage ich: Gott ist Einer, er hat nicht gezeugt und ist nicht gezeugt worden; und aller Dinge Anfang nach ihm ist die Erde und das Feuer, weil das dünne und leichte Feuer alles regiert, die Erde aber, da sie schwer und dicht ist, alles trägt, was das Feuer regiert.

 

Dictum 6

Sagte Lucas (Leukippos): Ihr redet nur von diesen vier Naturen, und ich sehe, daß ein jeder von euch schon etwas gesagt hat. Ich aber gebe euch bekannt, daß alles, was Gott geschaffen hat, aus diesen vier Naturen besteht, und was aus diesen geschaffen ist, kehrt zu ihnen wieder zurück; in ihnen werden die Geschöpfe erzeugt und sterben sie, und das alles, wie Gott es vorherbestimmt hat.

 

Sprach Demokritos, der des Lucas (Leukippos) Schüler ist: Du hast wohl gesprochen, Meister, da du von den vier Naturen gehandelt hast.

 

Sagte Arisleus (Archelaos): Da du, Demokritos, von Lucas (Leukippos) deine Wissenschaft empfangen hast, dürftest du nicht beanspruchen, mit deines Meisters Gleichen zu reden.

 

Antwortete Lucas (Leukippos): Wenn auch Demokritos die Wissenschaft von den Naturen von mir gehabt hat, so hat er sie doch (in letzter Linie) von den Philosophen der Inder und von den Babyloniern. Ich glaube übrigens, daß er seine Altersgenossen in dieser Wissenschaft übertrifft.

 

Antwortete die Versammlung: Wenn dieser in jenes (reifere) Alter kommt, wird er nicht wenig gefallen; jetzt aber, wo er (noch) in jugendlichem Alter steht, soll er nicht sprechen.

 

Dictum 7

Sagte Lucusta: Alle Schöpfungen, die Lucas (Leukippos) beschrieben hat, sind nur zwei, von denen die andere weder gewußt noch beschrieben werden kann, außer durch den Glauben; denn sie wird weder gesehen, noch wahrgenommen.

 

Sprach Pythagoras: Du hast eine Sache angefangen, die du sorgfältig beschrieben hast; wenn du vollenden möchtest, so gib bekannt, was das ist, was weder wahrgenommen noch gesehen und gewußt wird.

 

Antwortete er: Was nicht gewußt wird, gehört zum Himmel; was aber wahrgenommen und gesehen werden kann, ist das, was unter dem Himmel bis zur Erde reicht. Und was in dieser Welt ist, kann durch die Vernunft nicht gewußt werden ohne ihre fünf Diener, nämlich das Gesicht, das Gehör, den Geschmack, den Geruch und das Gefühl. Seht ihr nicht, Versammlung der Philosophen, daß die Vernunft nur durch das Gesicht das Weiße vom Schwarzen unterscheiden kann, und daß die Vernunft nur durch das Gehör ein gutes Wort von einem bösen unterscheiden kann? Ähnlich kann die Vernunft einen guten Geruch von einem stinkenden nur durch das Riechen, das Süße vom Bittern nur durch das Schmecken und das Glatte vom Rauhen nur durch das Berühren unterscheiden.

 

Antworteten sie: Davon handelnd hast du gut geredet, du hast jedoch unterlassen, von dem zu handeln, was nicht gewußt und nicht beschrieben werden kann außer durch die Vernunft und den Glauben.

 

Sprach er: Habt ihr etwa Eile? Wisset, daß die Schöpfung, die durch keinen dieser fünf (Sinne) erkannt werden kann, die obere Schöpfung ist, die weder gesehen, noch wahrgenommen, sondern nur durch die Vernunft aufgefaßt wird; durch diese Vernunft auffassend bekennt die Natur, daß es einen Gott gibt.

 

Antworteten sie: Du hast wahr und aufs beste geredet!

 

Und jener: Ich werde euch noch mehr auseinandersetzen. Wisset, daß diese Schöpfung, nämlich die Welt, ein Licht besitzt, das die Sonne ist; die feiner ist als alle Schöpfung, die Gott als das Licht gesetzt hat, durch das die Geschöpfe in dieser Welt zum Sehen gelangen. Ohne dieses feine Licht aber werden sie finster, indem sie außer durch das Licht des Mondes oder der Sterne oder des Feuers nichts sehen, die alle vom Licht der Sonne abgeleitet sind und den Geschöpfen Licht gegeben haben. Für diese Welt hat Gott also die Sonne als Licht gesetzt wegen der feinen Natur der Sonne. Und wisset, daß die obere Schöpfung dieses Sonnenlichts nicht bedarf, weil die Sonne unterhalb jener Schöpfung steht, die feiner und leuchtender ist als sie. Jenes Licht aber, das feiner ist als das Licht der Sonne, haben sie vom Lichte Gottes empfangen, das feiner ist als ihr Licht. Und wisset, daß die (niedere) Schöpfung, nämlich die Welt, aus zwei dichten und zwei feinen Elementen geschaffen ist, und daß von den dichten nichts in den oberen Schöpfung enthalten ist. Darum ist sie auch feiner als die Sonne und alle unteren Geschöpfe.

 

Antwortete die Versammlung: Du hast bestens beschrieben, was du erzählt hast. Und wenn du (nun), guter Meister, etwas sagen möchtest, wodurch du unsere Herzen, die der Unverstand getötet hat, lebendig machst, so schenkst du uns eine große Wohltat.

 

Dictum 8

Sprach Pythagoras: Ich sage, daß Gott vor allem gewesen ist, und daß nichts mit ihm war, als er (schon) war. Wisset, all ihr Philosophen, daß ich dies darum sage, um eure Ansicht über diese vier Elemente und die Geheimnisse und Wissenschaften, die darin (verborgen) sind, zu stärken, zu denen ohne Gottes Willen die Vernunft nicht gelangen kann. Und verstehet, daß Gott, nachdem er (erst) allein gewesen war, vier Dinge geschaffen hat: das Feuer, die Luft, das Wasser und die Erde. Nachdem diese aber geschaffen waren, hat er aus ihnen alles geschaffen, sowohl von den oberen als auch von den unteren Dingen; weil er vorausbestimmte, daß die Geschöpfe aus einer Wurzel entspringen sollten, durch die sie sich vervielfältigen und vermehren, um in der Welt zu wohnen und seinen Willen zu erfüllen. Darum hat er vor allem die vier Elemente geschaffen, aus denen er nachher, was er wollte, geschaffen hat: die verschiedenen Geschöpfe nämlich, von denen er einige aus einem einzigen (Element) geschaffen hat.

 

Sagte die Versammlung: Welches sind jene, o Meister?

 

Und jener: Es sind die Engel, die er aus dem Feuer geschaffen hat.

 

Und die Versammlung: Welche sind dann aus zweien geschaffen?

 

Und jener: Geschaffen sind aus zweien, nämlich aus Feuer und Luft, die Sonne und der Mond und die Sterne. Darum sind die Engel leuchtender als die Sonne und der Mond und die Sterne, weil sie aus einem einzigen (Element), das von den vieren das feinste ist, geschaffen sind. Die Sonne aber und die Sterne sind aus der Zusammensetzung von Feuer und Luft geschaffen.

 

Sprach die Versammlung: Meister, und des Himmels Erschaffung?.

 

Und jener: Es hat Gott den Himmel aus Wasser und Luft geschaffen. Daher ist auch der Himmel aus zweien zusammengesetzt, aus einem von den Feinen, nämlich der Luft, und einem von den Dichten, nämlich dem Wasser.

 

Und jene: Meister, führe deine Aussprüche weiter in bezug auf drei, und erfreue unsere Herzen durch deine Aussprüche, die Leben sind für die Toten.

 

Und jener: Ich gebe euch bekannt, daß Gott Geschöpfe aus drei Elementen geschaffen hat und auch aus vier. Aus drei nämlich sind geschaffen die Flugtiere und die Landtiere und die Gewächse... .

 

Die Versammlung aber sagte: Unterscheide diese Verschiedenen voneinander!

 

Und jener: Die Landtiere (sind) aus Feuer, Luft und Erde (geschaffen), die Flugtiere dagegen aus Feuer, Luft und Wasser... . DieGewächse aber enthalten nichts von Feuer, denn sie sind aus Erde, Wasser und Luft geschaffen.

 

Die Versammlung aber sagte: Unbeschadet der Ehrfurcht vor euch würden wir sagen, daß die Gewächse Feuer enthalten.

 

Und jener: Ihr habt wahr gesprochen, (auch) ich sage durchaus, daß sie Feuer enthalten.

 

Und jene: Woher ist jenes Feuer?

 

Antwortete er: Aus der Wärme der Luft, die in ihr verborgen ist, wie ich ja angegeben habe, daß der Luft ein feines Feuer innewohnt. Das Feuer aber, über das ihr gezweifelt habt, entsteht nur in Geschöpfen, die Geist und Seele haben. Aus vier Elementen aber sind unser Vater Adam und seine Söhne geschaffen, nämlich aus Feuer, Luft, Wasser und Erde. Verstehet, all ihr Weisen, daß alles, was Gott aus einer Substanz geschaffen hat, nicht stirbt bis zum Tag des Gerichts. Denn die Definition des Todes ist ‘Auflösung des Zusammengesetzten’; für Unzusammengesetztes aber gibt es keine Auflösung, denn es ist Eines. Der Tod ist nämlich die Trennung der Seele vom Körper; ein jedes aus zwei, drei oder vier Zusammengesetzte muß aber notwendig getrennt werden, worin eben der Tod besteht. Und wisset, daß kein Zusammengesetztes, das des Feuers entbehrt, (Nahrung) verzehrt oder trinkt oder schläft, weil in allen (Geschöpfen), die einen Geist besitzen, das Feuer es ist, welches verzehrt.

 

Und die Versammlung: Wie geschieht es denn, Meister, wenn die Engel aus Feuer geschaffen sind, warum verzehren sie nichts, da du doch versicherst, daß das Feuer es ist, welches verzehrt?

 

Und jener: Ihr habt gezweifelt, all ihr Besitzer von Meinungen, und seid Gegner geworden! Aber wenn ihr die Elemente wahrheitsgemäß wüßtet, würdet ihr dies nicht leugnen. Ich sage, all ihr Besitzer von Meinungen, daß nicht das Feuer schlechthin verzehrt, sondern das Dichte des Feuers. Nun sind aber die Engel nicht aus dem Dichten des Feuers, sondern aus dem Feinsten vom Feinsten des Feuers; aus dem einfachen und feinsten Feuer also geschaffen, verzehren sie nichts, noch trinken, noch schlafen sie.

 

Und die Versammlung sprach: Meister, kann unser Verstand so Großes fassen? Mit Gottes Hilfe haben wir deine Worte wohl aufgefaßt; unser Verstand aber, unser Gehör und Gesicht können so Großes nicht tragen. Möge dir Gott lohnen um deiner Schüler willen, da du uns zur Belehrung der Künftigen aus unsern Ländern zusammengerufen hast, wofür du den Lohn bei dem künftigen Richter nicht verlieren wirst.

 

Sprach Arisleus (Archelaos): Nachdem du uns zum Nutzen der Künftigen vereinigt hast, Meister, kann nichts für die Künftigen Nützlicheres zu uns gelangen, als die Begriffsbestimmungen der Elemente, die du uns gelehrt hast.

 

Und jener: Ich sehe wirklich, all ihr Weisen, daß keiner von euch Erklärungen gegeben hat.

 

Und die Versammlung: Wenn deine Schüler etwas außer acht gelassen haben, so ziemt es dir nicht, Meister, für die Kommenden etwas (uns) Unbekanntes außer acht zu lassen.

 

Und jener: Wenn ihr wollt, will ich von hier beginnen, da es ja die Neider durch ihre Bücher auseinandergerissen haben; wenn aber nicht, so werde ich zur Beendigung dieses Buches einsetzen.

 

Und die Versammlung: Wo dir der Anfang für die Nachfahren durchsichtiger zu sein scheint, da setze ein!

 

Und jener: Wo es von den Unverständigen nicht erkannt, von den Söhnen der Lehre aber verstanden wird, da werde ich einsetzen, weil dies der Schlüssel, die Vollendung und das Ende ist.

 

Dictum 9

Sagte Eximenus (Anaximenes): Gott hat durch sein Wort alle Dinge geschaffen, indem er sprach: ‘Seid!’. Und es sind geschaffen worden mit anderem die vier Elemente, die Erde, das Wasser, die Luft und das Feuer, die er gegenseitig gepaart hat, so daß die Feindlichen vermischt wurden. Denn wir sehen, daß das Feuer dem Wasser feindlich ist und umgekehrt, und jedes von beiden der Erde und der Luft. Gott indessen hat sie friedlich gepaart, damit sie sich gegenseitig liebten. Aus diesen vier Elementen also ist alles erschaffen: der Himmel, der Thron, die Engel, die Sonne, der Mond, die Sterne, die Erde und das Meer und alle Dinge, die im Meere sind; die mannigfaltig sind und unähnlich, deren Naturen Gott verschieden gemacht hat, wie auch die Schöpfungen auf der Erde. Und diese Verschiedenheit besteht nicht allein in dem, was ich euch (schon) angezeigt habe, sondern jedes von jenen Geschöpfen ist von verschiedener Natur, und seine Natur ist (nur) nach den verschiedenen Gegenden verschieden. Diese Verschiedenheit aber ist in allen Schöpfungen, weil sie aus verschiedenen Elementen geschaffen sind. Denn wenn sie aus einem einzigen Element geschaffen wären, hätten sie übereinkommende Naturen. Aber indem diese verschiedenen Elemente vermischt werden, büßen sie ihre (Sonder-) Naturen ein, wie ja das Warme mit dem Kalten gemischt weder warm noch kalt wird, das Feuchte aber mit dem Trockenen gemischt weder feucht noch trocken wird. Wenn aber die vier Elemente vermischt werden, kommen sie überein, und es gehen Schöpfungen daraus hervor, die niemals zur Vollendung kommen, wenn sie nicht über Nacht stehen gelassen werden und faulen und für den Augenschein zerstört werden. Darauf führt Gott seine Schöpfungen weiter fort durch Wachstum, Speise, Leben und Lenkung.

 

Ihr Söhne der Lehre, nicht ohne Grund habe ich euch das Verhalten dieser vier Elemente dargelegt: In ihnen ist nämlich ein Geheimnis verborgen, indem zwei von ihnen tastbar sind und beim Schauen einen Anblick gewähren, von denen Wirkung und Kraft bekannt sind, nämlich Erde und Wasser, während die beiden andern Elemente weder gesehen noch getastet werden, noch irgend etwas gewähren, und deren Ort, Wirkung und Kraft nicht wahrgenommen wird, außer in den vorhergenannten Elementen, nämlich der Erde und dem Wasser. Wenn also die vier Elemente nicht verbunden werden, kommt den Menschen nichts von dem kunstvollen Werk, das sie (auszuführen) wünschen, zur Vollendung. Gemischt aber und aus ihren Naturen heraustretend, werden sie zu etwas anderem. Über dieses nun denket aufs beste nach!

 

Und die Versammlung: Meister, wenn du sprichst, werden wir deinen Worten folgen!

 

Und jener: Ich habe schon gesprochen, und zwar gut; ich werde jedoch zusammenfassende Worte sprechen, denen ihr, indem ich sie spreche, folgen könnt. Wisset, all ihr Übrigen, daß keine Färbung echt wird, wenn sie nicht durch ‘unser Kupfer’ geschieht. Wollet daher nicht zugleich eure Seelen und euer Geld vernichten, noch Traurigkeit in eure Herzen tragen! Ich füge auch als Sicherung für euch hinzu, daß ihr nichts erreicht, wenn ihr das vorgenannte Kupfer nicht in ‘Weißes’ verwandelt und für den Augenschein zu Silber und dies dann zu ‘Rotem’ macht, bis die Färbung zustande kommt. Verbrennet also jenes Kupfer, zerreibet es und beraubet es der Schwärze durch Kochen, Tränken und Waschen, bis es zu Weißem wird; darauf behandelt es (weiter).

 

Dictum 10

Sagte Arisleus (Archelaos): Der Schlüssel dieses Werkes ist die ‘Kunst des Silbers’. Nehmet also den ‘Körper’, den ich euch angedeutet habe, und bringet ihn in die Form dünner Tafeln. Darauf leget (sie) auf das ‘Wasser unseres Meeres’, das ist das ‘immerwährende Wasser’, nachdem es behandelt worden ist. Dann setzet es auf ein leichtes Feuer, bis die Tafeln zerbrechen und zu ‘Wasser’, d. h. ‘Ethelia’ werden. Mischet und kochet und verwandelt in leichtem Feuer, bis eine fettähnliche Brühe entsteht, und wendet es in seiner ‘Ethelia’ um, bis es sich verfestigt und umgewandeltes Silber entsteht, das wir ‘Goldblüte’ nennen. Kochet also, bis es von der Schwärze befreit wird, und die Weiße erscheint. Behandelt es also und vermischet es mit ‘Goldlot’ und kochet, bis es ‘rote Ethelia’ wird; und pulvert mit Geduld, daß es euch nicht verdrieße, und tränket es mit seiner ‘Ethelia’ oder seinem ‘Wasser’, das aus ihm hervorgegangen ist, das ist das ‘immerwährende Wasser’, bis es rot wird. Dies also ist das ‘verbrannte Kupfer’, das die ‘Goldhefe’ und die ‘Goldblüte’ ist; diese behandelt mit dem ‘immerwährenden Wasser’ und behandelt immer wieder, bis sie trocken wird. Dies also tuet andauernd, bis es ganz vom ‘Wasser’ befreit und Staub wird.

 

Dictum 11

Sprach Parmenides: Wisset, daß die Neider auf vielerlei Art von mehreren Wassern und Brühen, Körpern, Steinen und Metallen gehandelt haben, um euch alle, die Wissenschaft Suchenden, zu betrügen. Lasset also dies unbeachtet, und lasset das Gold Silber und das Silber Gold werden an Stelle dieses unseres Kupfers, und Kupfer an Stelle der Schwärze, und Blei und Zinn an Stelle der Verflüssigung. Und wisset, daß wenn ihr nicht die ‘Naturen der Wahrheit’ behandelt und ihre Verbindungen und Zusammensetzungen gut zusammenfügt, die Verwandten mit den Verwandten und das Erste mit dem Ersten, so arbeitet ihr unangemessen und richtet nichts aus; weil die Naturen, wenn sie ihren (verwandten) Naturen begegnen werden, ihnen folgen und sich freuen werden. Denn in ihnen faulen sie und werden sie erzeugt, weil die Natur von der Natur beherrscht wird, die sie zerstört, in Pulver verwandelt und ins Nichts zurückführt, endlich aber sie erneuert, wiederherstellt und erzeugt. Darum forschet immer wieder in den Büchern, damit ihr die ‘Naturen der Wahrheit’ wisset, und was sie zur Faulung bringt und was sie erneuert, welchen Geschmack sie haben und welche Verwandten sie von Natur besitzen, und wie sie sich gegenseitig lieben, und wie ihnen nach der Liebe Feindschaft und Verderben zustößt, und wie jene Naturen sich gegenseitig umfassen und einträchtig werden, bis sie im Feuer zugleich fein werden.

 

Nachdem dies also bekannt ist, leget in dieser Kunst Hand an. Wenn ihr aber die ‘Naturen der Wahrheit’ nicht kennet, wollet euch diesem Werke nicht nahen, da (sonst) alles nur Schaden ist, Unheil und Traurigkeit. Betrachtet also die Worte der Weisen, wie sie mit diesen Worten das ganze Werk vollendet haben, indem sie sagten, daß die Natur sich über die Natur freut und die Natur die Natur festhält. In diesen Worten also ist euch das Werk vollendet.

 

Darum lasset das Vielfältige als überflüssig und nehmet das Quecksilber und verfestiget es im ‘Körper der Magnesia’, oder im ‘Kuhul’, oder im ‘unverbrennlichen Schwefel’; und machet es zu einer ‘weißen Natur’ und werft es auf ‘unser Kupfer’, so wird es weiß, und wenn ihr es rot macht, so wird es rot, und wenn ihr es darauf noch kocht, so wird es Gold. Ich sage, daß es selbst das Meer zu rotem Gold umwandelt und zu ‘Goldlot’. Und wisset, daß das Gold nicht in Röte verwandelt wird, außer durch das ‘immerwährende Wasser’, weil die Natur sich der Natur freut. Behandelt es also durch Kochen mit der ‘Flüssigkeit’, bis die verborgene Natur erscheint. Wenn diese daher außen erscheint, tränket es siebenmal im ‘Wasser’ mit Kochen, Tränken und Rösten, bis es rot wird.

 

O ihr himmlischen Naturen, die ihr auf den Wink Gottes die ‘Naturen der Wahrheit’ vermehrt! O du starke Natur, die die Naturen besiegt und ihre Naturen sich freuen und fröhlich sein läßt! Diese ist es nämlich insbesondere, der Gott eine Kraft zugeteilt hat, die das Feuer nicht besitzt. Und deshalb haben wir sie gepriesen und ihr Ehre erwiesen, da es in der ‘wahren Färbung’ nichts Kostbareres gibt als sie, und nichts ihr Ähnliches oder Gleiches gefunden werden kann. Sie ist selbst die Wahrheit, alle Erforscher der Weisheit, denn mit ihren ‘Körpern’ verflüssigt bewirkt sie das höchste der Werke. Würdet ihr etwa, wenn ihr die Wahrheit wüßtet, mir nicht vielfachen Dank sagen? Wisset also, daß das Färbende die Körper, welche (damit) gemischt sind, zerstören muß. Denn es überwältigt das, was ihm zugemischt wird, und wandelt es in seine Farbe um. Und in der gleichen Weise, wie es für den Augenschein die Oberfläche besiegt, so wird es das Innere überwältigen. Und wenn das eine flüchtig ist, das andere aber das Feuer aushält, so hält das eine mit dem andern verbunden das Feuer aus. Und wisset, daß wenn die Oberfläche geweißt wird, (auch) sein Inneres geweißt werden wird. Und wenn die ‘Wolken’ die Oberfläche des Kupfers geweißt haben, so wird ohne Zweifel (auch) das Innere geweißt werden. Und wisset, alle Erforscher der Philosophie, daß ein einziges Ding zehn überwältigt, und daß ‘unser Schwefel’ alle ‘Körper’ verbrennt.

 

Antwortete die Versammlung: Du hast trefflich gesprochen, Parmenides, indessen hast du den Nachfahren nicht das Verhalten des ‘Rauches’ gezeigt, noch wie durch ihn geweißt wird.

 

Dictum 12

Sprach Lucas (Leukippos): Ich werde sprechen, indem ich darin den Spuren der Alten folge. Und wisset, alle Erforscher der Weisheit, daß der Traktat hier nicht der Anfang des Verfahrens ist. Nehmet das Quecksilber, das vom ‘Männlichen’ ist, und verfestiget es gemäß der Gewohnheit. Seht ihr nicht, daß ich euch sage ‘gemäß der Gewohnheit’, weil es vorher schon verfestigt worden ist? Dies ist daher nicht der Anfang des Verfahrens. Ich heiße euch jedoch, das Quecksilber zu nehmen, das vom ‘Männlichen’ ist, und es auf vorbehandeltes Kupfer oder Eisen zu tun, so wird es geweißt werden. Ähnlich entsteht ‘weiße Magnesia’ und wird das ‘Männliche’ umgewandelt; da ja eine gewisse Verwandtschaft des Magneten mit dem Eisen besteht, so freut sich die Natur über die Natur. Nehmet also die ‘Wolke’, welche die Alten euch zu nehmen geheißen haben, und kochet sie mit ihrem ‘Körper’, bis Zinn entsteht. Und gemäß der Gewohnheit reiniget es von seiner Schwärze, waschet und röstet in gleichmäßigem Feuer, bis es weiß wird. Mit (vor-) behandeltem Quecksilber wird jeder ‘Körper’ geweißt, denn die Natur wandelt die Natur. Nehmet daher die ‘Magnesia’ und weißet mit dem Rauch von ‘Wasser des Alauns’ und ‘Wasser des Nitrons’ und ‘Wasser des Meeres’ und ‘Wasser des Eisens’, weil jener ‘Rauch’ weiß ist, und alles weißt; was immer ihr durch den ‘Rauch’ geweißt haben wollt, das wird geweißt. Mischet daher jenen ‘Rauch’ mit seinem Rückstand, bis er sich verfestigt und ‘weißes Silber’ wird. Röstet aber dieses ‘weiße Kupfer’, bis es sich selbst zum Keimen bringt, da die ‘Magnesia’, wenn sie geweißt wird, die ‘Geister’ nicht entweichen und den ‘Schatten des Kupfers’ nicht erscheinen läßt, weil die Natur die Natur festhält. Nehmet also, all ihr Söhne der Lehre, das ‘schweflige Weiß’ und weißet es mit ‘Sonne und Tau’, oder mit der ‘Blüte des weißen Salzes’, bis es ein weißes Silber wird. Und wisset, daß die ‘Blüte des weißen Salzes’ das ‘Ethel der Ethel’ ist. Röstet es daher sieben Tage hindurch, bis es glänzend wie Marmor wird, weil es, wenn es so wird, ein größtes Geheimnis ist, da der Schwefel mit dem Schwefel gemischt worden ist; und das größte Werk ist von daher bewirkt worden, wegen der gegenseitigen Verwandtschaft, weil Naturen, die ihrer Natur begegnen, sich freuen. Nehmet also ‘Martak’ (Bleiglätte) und weißet ihn mit ‘Kadmia’ und ‘Essig’ und ‘immerwährendem Wasser’, und röstet und verfestiget, bis es nicht mehr flüssig wird, in einem Feuer, das stärker ist als sein früheres Feuer, und verschließet die Mündung des Gefäßes fest, damit die ‘Blüte’ nicht entflieht, sondern ihren Verwandten (bei sich) festhält und seine Weiße sich verstärken läßt. Und hütet euch vor der Verstärkung des Feuers, weil (das Wasser), wenn ihr das Feuer verstärkt, vorzeitig rot wird, was euch nichts nützt, weil ihr ja beim Anfang des Verfahrens das Weiße haben wollt. Darauf möget ihr es verfestigen, dann rotmachen; und es sei euer Feuer gelinde wie beim Weißfärben, bis es sich verfestigt. Und wisset, daß wir es, wenn es sich verfestigt, ‘Seele’ nennen und daß es dann schneller von einer Natur in die andere verwandelt wird. Dies also ist für die Verständigen genug über die ‘Kunst des Silbers’, weil (schon) ein einziges Ding tut, was auch mehrere bewirken; mehrere Dinge aber braucht ihr nicht, sondern nur das eine Ding, und jenes eine Ding wird bei jeder Stufe unsrer Arbeiten in eine andere Natur verwandelt.

 

Sprach die Versammlung: Meister, wenn du reden würdest, wie die Weisen geredet haben, so würden auch binnen kurzem jene, von denen wir sehen, daß sie sich von der Unterwerfung unter die Finsternis nicht trennen wollen, uns folgen.

 

Dictum 13

Sagte Pythagoras: Lasset uns eine andere Behandlung setzen, die eine andere ist nicht der Wurzel, sondern (nur) dem Namen nach. Und wisset, all ihr Erforscher dieser Wissenschaft und Weisheit, daß, was immer die Neider in ihren Büchern über die Zusammensetzung der sich gegenseitig entsprechenden Naturen der ‘Elemente’ vorgeschrieben haben, dem Wesen nach nur eines ist, wie verschieden es auch nach dem Augenschein sein mag. Und wisset, daß das Ding, welches sie auf vielfache Weise erörtert haben, seinem ‘Genossen ohne Feuer’ folgt, wie der Stein Magnetis dem Eisen folgt, worauf jenes (Ding) nicht ohne Grund bezogen wird, oder auch auf Samen oder Mutterschoß, denen jenes Ding ähnlich ist. Und (wisset, daß) jenes Ding, das seinem ‘Genossen ohne Feuer’ folgt, in jener Zusammensetzung allenthalben Farben erscheinen läßt, weil jenes eine Ding in jede Art von Verfahren eingeht und überall gefunden wird: das (zugleich) ein Stein ist und kein Stein, verachtet und wertvoll, verdunkelt, verheimlicht und (doch wieder) jedem bekannt, eines Namens und vieler Namen, das der ‘Speichel des Mondes’ ist. Dieser Stein ist daher kein Stein, und obwohl er kostbar ist, (wird er um nichts verkauft) – der Stein, ohne den die Natur niemals etwas bewirkt, dessen Name einer ist, den wir aber mit vielen Namen bezeichnet haben wegen der Vortrefflichkeit seiner Natur.

 

Antwortet die Versammlung: Wenn du ihn, Meister, mit einigen seiner Namen benennen möchtest, würdest du ihn den Forschenden klar machen.

 

Und jener: Er wird ‘weiße Ethelia’ genannt und ‘weißes Kupfer’, und ‘vor dem Feuer fliehend’, ‘der allein das Kupfer weißt’. Zerreibet also den ‘weißen Stein’, hernach verfestiget ihn mit der ‘Milch’. Darauf zerreibet ‘Kalk’ und ‘Marmor’ und sehet euch vor, daß die Feuchtigkeit nicht aus dem Gefäß herausgeht; verfestiget sie vielmehr im Gefäß, bis sie zu Asche wird, und kochet und behandelt sie mit ‘Speichel des Mondes’, so werdet ihr den Stein zerbrochen und schon von seinem Wasser getränkt finden. Dies also ist der Stein, den wir mit allen Namen benannt haben, der das ‘Werk’ aufnimmt und aufsaugt, und aus dem jegliche Farbe erscheint. Nehmet also das ‘Gummi, das von der Akazie ist’, und mischet es mit der Asche des Kalkes, die ihr behandelt habt, und mit dem Rückstand, den ihr kennt, und mit reinem ‘immerwährendem Wasser’. Dann schauet nach, ob sie zu Staub geworden sind; wenn aber nicht, so röstet in einem Feuer, das stärker ist, als das frühere, bis sie (zu Staub) zerrieben werden; darauf tränket mit dem ‘immerwährenden Wasser’, und je mehr die Farben wechseln, desto mehr lasset es warm werden. Und wisset, wenn ihr ‘weißes Quecksilber’ nehmt, oder ‘Speichel des Mondes’, und (wenn ihr) tut, wie ich geheißen habe, und mit leichtem Feuer zerreibt, so verfestigt es sich und wird ein Stein. Aus diesem Stein also werden euch, wenn er zerrieben wird, mancherlei Farben erscheinen. Wenn euch aber in dieser Rede etwas von Unklarheit vorkommt, so tuet, wie ich euch geheißen habe, bis der Stein weiß wird und glänzend, und ihr werdet eure Absicht erreichen.

 

Dictum 14

Sagte Arsuberes (Xenophanes): Meister, du hast soeben ohne Neid gesprochen, wie es dir geziemt; möge es dir Gott vergelten!

 

Sagte Pythagoras: Und dich, Arsuberes (Xenophanes), möge Gott vom Neid befreien!

 

Und jener: Wisset, Versammlung der Weisen, daß die Schwefel von den Schwefeln festgehalten werden, und die Feuchtigkeit von ähnlicher Feuchtigkeit.

 

Antwortete die Versammlung: Arsuberes (Xenophanes), die Neider haben schon etwas Ähnliches gesagt; gib also an, was diese Feuchtigkeit ist.

 

Und jener: Wenn das ‘Gift’ den Körper durchdringt, färbt es ihn mit unveränderlicher Farbe, und niemals läßt der ‘Körper’ zu, daß die ‘Seele’, die seine Gefährtin ist, sich von ihm trennt. Darüber haben die Neider gesagt: "Wenn das ‘Verfolgende’ sich dem ‘Flüchtigen’ in den Weg stellt, wird von ihnen die Flucht beseitigt und es erreicht die (Natur der) Wahrheit". Und weil die Natur ihn als ihren Gefährten genommen hat, nicht als einen Feind, haben sie sich gegenseitig festgehalten, weil aus dem mit ‘Schwefel’ gemischten Schwefligen eine höchst kostbare Farbe entsteht, die sich nicht verändert, noch vor dem Feuer flieht, wenn die ‘Seele’ in das Innerste des ‘Körpers’ eingeführt wird und den ‘Körper’ festhält und färbt.

 

Meine Worte aber werde ich wiederholen in bezug auf die ‘tyrische Färbung’. Nehmt das Tier, welches ‘Konchylion’ heißt, da sein ganzes ‘Wasser’ tyrische Farbe ist, und behandelt es mit gelindem Feuer, wie es üblich ist, bis es ‘Erde’ wird, in der (nur) wenig Farbe sein wird. Wollt ihr aber zur ‘tyrischen Färbung’ gelangen, so nehmet die Feuchtigkeit, die jenes (Tier) ausgeworfen hat, und bringet sie mit ihm nach und nach in das Gefäß, und bringet es in jene Tinktur hinein, deren Farbe euch nicht gefallen hat. Dann kochet es mit Meerwasser, bis es trocken wird, dann tränket es mit jener Feuchtigkeit und trocknet nach und nach aus, und höret nicht auf, es zu tränken, zu kochen und auszutrocknen, bis es mit seiner ganzen Feuchtigkeit getränkt ist. Darauf lasset es einige Tage in seinem Gefäß, bis ihm die kostbarste tyrische Farbe darüber herauskommt.

 

Schauet, wie ich euch das Verfahren beschreiben werde. Versetzet den ‘Körper’ mit dem ‘Harn von Knaben’ und mit ‘Meerwasser’ und reinem ‘immerwährenden Wasser’, bevor es gefärbt wird, und kochet ihn mit gelindem Feuer, bis die Schwärze vergeht und ruht, und dies leicht zerrieben werden kann. Kochet ihn also mit seiner ‘Flüssigkeit’, bis er sich mit roter Farbe bekleidet. Wollt ihr ihn aber in ‘tyrische Farbe’ (über)führen, so tränket ihn fortgesetzt mit dem ‘Wasser’ und mischet, wie ihr wißt, daß es ihm nach dem Augenschein genügt. Mischet ihn auch mit ‘immerwährendem Wasser’, und zwar so, daß es genügt, und kochet, bis die Röte das Wasser aufsaugt. Darauf waschet mit dem ‘Meerwasser’, das ihr zubereitet habt, das ist das ‘Wasser des getrockneten Kalkes’, und kochet, bis er seine Flüssigkeit aufsaugt, und tuet das mehrere Tage hintereinander. Ich sage, daß euch davon eine Farbe erscheinen wird, wie die Tyrier niemals eine ähnliche hergestellt haben. Und wenn ihr wollt, daß sie noch höher wird, als sie gewesen war, und leuchtender, so tuet das ‘Gummi’ in das ‘immerwährende Wasser’ durch das ihr sie mehrfach färbt, dann trocknet in der Sonne, endlich bringet sie in das vorgenannte ‘Wasser’ zurück, so wird die tyrische Farbe noch mehr gesteigert. Und wisset, daß ihr mit Purpurfarbe nur im Kalten färben könnt. Nehmet also das Wasser, das die Natur der Kälte besitzt, und kochet mit ihm den ‘Mond’, bis er die Kraft der Färbung vom ‘Wasser’ annimmt. Und wisset, daß die Philosophen jene Kraft, die von jenem Wasser ausgeht, ‘Blüte’ genannt haben. Euer Vorhaben wird also vollendet durch jenes ‘Wasser’; setzet in dies, was im Gefäß ist, Tage und Nächte hindurch, bis es sich mit kostbarster tyrischer Farbe bekleidet.

 

Dictum 15

Sprach Flritis (Sokrates): Wisset, alle Erforscher der Weisheit, daß das Fundament dieser Kunst, um derenwillen viele zugrunde gegangen sind, etwas Einziges ist, das stärker und erhabener ist als alle Naturen bei den Philosophen; bei den Unverständigen aber ist es aller Dinge Niedrigstes, was wir verehren. Wehe euch, allen Unverständigen, wie unkundig seid ihr dieser Kunst, für die ihr sterben würdet, wenn ihr sie kenntet! Und ich schwöre euch, daß wenn die Könige sie kennten, niemand von euch jemals zu ihr gelangen würde. O diese Natur, wie wandelt sie den ‘Körper’ in ‘Geist’! Was für eine wunderbare Natur, wie überragt sie alles und besiegt sie alles!

 

Sagte Pythagoras: Nenne sie, Flritis (Sokrates)!

 

Und jener: Sie ist der schärfste ‘Essig’, der bewirkt, daß das Gold zu lauterem ‘Geist’ wird, ohne welchen ‘Essig’ weder die Weiße noch die Schwärze, noch die Röte entstehen kann. Und wisset, daß wenn der ‘Körper’ (mit ihm) gemischt und festgehalten und vereinigt wird, er ihn in ‘Geist’ verwandelt und mit unveränderlicher geistiger Farbe färbt, die nicht zerstört werden kann. Und wisset, daß wenn ihr den ‘Körper’ ohne ‘Essig’ über Feuer setzt, er verbrannt und zerstört wird. Und wisset, daß die ‘erste Feuchtigkeit’ kalt ist; seid daher vorsichtig mit dem Feuer, das der Kälte feindlich ist. Darum haben die Weisen gesagt, ihr sollet vorsichtig zu Werk gehen, bis der ‘Schwefel’ unverbrennlich wird. Das Verfahren dieser Kunst aber hat der Weise den Vernünftigen bereits gezeigt; von dem aber, was er gesagt hat, ist das beste, "daß die geringe Kraft dieses ‘Schwefels’ einen starken ‘Körper’ verbrennt". Darum verehren sie ihn und beschreiben ihn am Anfang ihres Buches, was jemand wie folgt beschrieben hat: "Da dieser ‘Essig’ den Körper verbrennt und in ‘Asche’ verwandelt, was auch den Körper weißt". Wenn ihr ihn also gut kocht und der Schwärze beraubt, wird er in Stein verwandelt, und zu Silber von stärkster Weiße werden. Kochet daher den Stein, bis er zerstört wird; dann löset und versetzet mit ‘Meerwasser’. Und wisset, daß der Anfang des ganzen Werkes die Weißung ist, der die Röte folgt, endlich die Vollendung des Werkes; danach aber geschieht auf den Wink Gottes durch den ‘Essig’ die ganze Vollendung.

 

Ich habe euch nun, Versammlung der Schüler, die Darstellung dieses einzigen Dinges gezeigt, das vollkommener ist, kostbarer und verehrungswürdiger als die (gesamten übrigen) ‘Naturen’. Und ich schwöre euch bei Gott, daß ich lange Zeit in den Büchern geforscht habe, um zu der Wissenschaft dieses einzigen Dinges zu gelangen, und daß ich Gott gebeten habe, mich zu lehren, was es ist. Nachdem er aber meine Bitte erhört hatte, zeigte er mir das ‘reine Wasser’, was ich als den ‘lauteren Essig’ erkannte, und je mehr ich die Bücher las, desto mehr wurde mir Erleuchtung zuteil.

 

Sagte die Versammlung: Du hast gut gesprochen, Sokrates, fahre in deiner Rede fort!)

 

Dictum 16

Sprach Sokrates: Wisset, Versammlung der Bleibenden, Söhne der Lehre, daß ohne das ‘Blei’ keine Färbung entsteht, weil es die Kraft besitzt. Seht ihr nicht, wie der dreifach begnadete Hermes sagt: daß "wenn das ‘Blei’ in dem ‘Körper’ versenkt wird, dieser in unveränderliche Farbe verwandelt wird?". Und wisset, daß die erste Kraft der ‘Essig’ ist, die zweite aber das ‘Blei’, von dem die Weisen gesagt haben, daß "wenn das ‘Blei’ in dem ‘Körper’ versenkt wird, aus ihm eine unveränderliche Farbe entsteht". Nehmet also das ‘Blei’, das aus dem Stein entsteht, der ‘Kuhul’ genannt wird, und es sei der beste, und kochet ihn, bis er schwarz wird; dann zerreibet ihn mit ‘Wasser des Nitrons’, bis er dicht wird wie Fett. Darauf kochet, bis er zu Stein wird, in stärkstem Feuer, bis die Dichtigkeit des Körpers durch das darin enthaltene Wasser zerstört wird. Entzündet also über ihm ein Feuer, bis er ein reiner, silberartiger und weißer Stein wird. Zerreibet ihn also in Tau und Sonne, mit Meer- und Regenwasser 20 Tage, 10 Tage mit salzigem, 10 Tage aber mit süßem Wasser, und ihr werdet ihn einem silberartigen Stein ähnlich finden. Kochet ihn daher mit ‘Wasser des Nitrons’, bis er zu Zinn wird. Kochet auch, bis er der Feuchtigkeit beraubt und trocken wird. Und wisset, daß er, wenn er trocken wird, den Rest seiner Feuchtigkeit schnell aufsaugt, weil er ‘verbranntes Blei’ ist. Rühret ihn daher um, damit er nicht verbrennt. Dies aber nennen wir ‘unverbrennlichen Schwefel’. Zerreibet ihn also mit schärfstem ‘Essig’ und kochet, bis er dicht wird, und habet acht, daß der ‘Essig’ sich nicht in ‘Rauch’ verwandelt und zugrunde geht; kochet ihn 150 Tage lang. – Ich habe nun die Darstellung des ‘weißen Bleis’ gezeigt; wenn man das aber weiß, ist das weitere nur noch Frauenwerk und Kinderspiel.

 

Und wisset, daß das Geheimnis der ‘Darstellung des Goldes’ aus dem ‘Männlichen’ und dem ‘Weiblichen’ kommt. Das ‘Männliche’ (aber) habe ich euch schon beim ‘Blei’ gezeigt, das ‘Weib(liche)’ dagegen habe ich euch im ‘Auripigment’ genannt. Mischet daher das ‘Auripigment’ mit dem ‘Blei’, denn wenn es die Kraft des Mannes empfangen hat, freut sich das Weib, weil es vom Männlichen unterstützt wird, das Männliche aber nimmt von der Frau den färbenden Geist an. Bringet diese daher gemischt in ein gläsernes Gefäß, und zerreibet sie mit ‘Ethelia’ und ‘schärfstem Essig’, und kochet sie sieben Tage; und hütet euch, daß das ‘Geheimnis’ zu rauchen beginnt, und lasset es mehrere Nächte stehen. Und wenn ihr wollt, daß es sich mit ‘Gelb’ bekleidet, falls ihr es schon trocken seht, dann tränket es mit ‘Essig’. Also habe ich auch schon die Kraft des ‘Auripigments’ bekannt gegeben, das das ‘Weib’ ist, durch welches das größte Geheimnis bewirkt wird. Wollet also dies (Weib) nicht den Bösen zeigen. Der Sandarach aber ist die Ethelia des ‘Essigs’, der bei der Darstellung zugesetzt wird, durch den Gott das Werk vollendet, wodurch auch die Körper ‘Geister’ aufnehmen und geistig werden.

 

Dictum 17

Sprach Cinon (Zenon): Ihr habt schon, Versammlung der Philosophen und Schüler, über das ‘Weißmachen’ gesprochen; es muß daher (jetzt) über das ‘Rotmachen’ gesprochen werden. Wisset, all ihr Erforscher dieser Kunst, daß wenn ihr nicht weißt, ihr auch nicht rotmachen könnt, weil die zwei ‘Naturen’ nichts anderes sind, als das ‘Rote’ und das ‘Weiße’. Weißet also das Rote und rötet das Weiße! Und wisset, daß das Jahr in vier Zeiten geteilt wird. Die erste Zeit aber ist von kalter Beschaffenheit, das ist der Winter; die zweite jedoch ist von warmer Beschaffenheit, das ist der Frühling, dann die dritte, das ist der Sommer, dann die vierte, in der die Früchte reifen, das ist der Herbst. Auf diese Weise nun müßt ihr die Naturen behandeln: (zuerst) durch die Feuchtigkeit des Winters, dann durch die Wärme des Frühlings und das Erscheinen der Blüten, dann durch die Wärme und die Schärfe des Sommers, und (endlich) wie der Herbst die Früchte reift und weich macht, so daß sie von den Bäumen gesammelt werden. Gemäß diesem beschriebenen Beispiel färbend behandelt die ‘Naturen’; wenn (ihr) aber nicht (zustande kommt), dann tadelt niemand als euch selbst!

 

Antwortete die Versammlung: Du hast sehr gut gesprochen; füge daher für die Nachfahren noch etwas anderes von dieser Rede hinzu!

 

Und jener: Ich will über das ‘Rotmachen’ des Bleis sprechen. Nehmet das Blei, das der Meister euch am Anfang seines Buches zu nehmen vorgeschrieben hat, und setzet dazu Kupfer (soviel) wie Blei und kochet, bis es sich verdichtet; verfestiget und trocknet, bis es rot wird. Dies also ist das ‘rote Blei’, von dem die Weisen gesagt haben: ‘Kupfer und Blei werden ein kostbarer Stein’. Mischet sie gleichmäßig und röstet mit ihnen das Gold; wenn ihr das gut ausführt, so wird es ein Geist, färbend unter Geistern. Denn wenn das ‘Männliche’ und das ‘Weib’ verbunden werden, so wird das Weib nichtflüchtig, das ‘Zusammengesetzte’ jedoch geistig. Aus dem in ‘roten Geist’ verwandelten Zusammengesetzten aber entsteht der Ursprung des Wissens. Siehe, dieses ‘Blei’, das wir das ‘rote Blei’ genannt haben, gehört zu unserem Werk, ohne das nichts geschieht!

 

Dictum 18

Sagte Mundus (Parmenides) zur Versammlung: Ihr Erforscher dieser Kunst, man muß wissen, daß die Philosophen in ihren Büchern das ‘Gummi’ auf vielerlei Weise bezeichnet haben, das nichts anderes ist, als das ‘immerwährende Wasser’, aus dem der kostbarste Stein erzeugt wird. O wie zahlreich sind die Erforscher dieses ‘Gummi’, und wie wenig kennen sie es! Und wisset, daß dieses ‘Gummi’ nur durch das Gold allein verbessert werden kann. Wie viele sind es doch, die diese Anwendungen erforschen und (auch) einige finden, aber die ‘Qualen’ nicht aushalten können, weil (die Stoffe) vermindert werden. Die Anwendungen aber, die von dem ‘Gummi’ gemacht werden und von dem verehrungswürdigen Stein, der die Färbung schon in sich enthielt, halten selbst die Qualen aus und werden niemals vermindert. Verstehet also meine Worte, denn ich beleuchte euch ohne Neid das Verfahren des ‘Gummis’ und das in ihm vorhandene Geheimnis. Wisset, daß unser ‘Gummi’ stärker ist als das Gold, und die es kennen, müssen es für verehrungswürdiger halten als das Gold. Dennoch haben wir (auch) das Gold verehrt, denn ohne dieses kann das ‘Gummi’ nicht verbessert werden. Unser ‘Gummi’ ist daher bei den Philosophen kostbarer und erhabener als Perlen, weil wir um wenig Gold viel ‘Gummi’ kaufen. Darum haben die Philosophen, wenn sie schrieben, und verhüten wollten, daß es zugrunde gehe, in ihren Büchern das Verfahren nicht klar angegeben, damit nicht jeder Beliebige es kennenlerne; denn wenn es die Unverständigen kennten, würden sie es um nicht geringen Preis verkaufen. Nehmet also vom ‘weißen Gummi’ von stärkstem Weiß einen Teil, und von dem ‘Harn eines weißen Kalbes’ einen Teil und von der ‘Galle eines Fisches’ einen Teil, und von dem ‘Körper des Gummi’, ohne den es nicht verbessert werden kann, einen Teil. Diese Anteile mischet und kochet vierzig Tage lang. Nachdem dies geschehen ist, verfestiget in der Sonnenwärme, bis es getrocknet ist. Darauf kochet es gemischt mit ‘Milch der Hefe’, bis die ‘Milch’ verschwindet, dann ziehet es aus, und bis es trocken wird, lasset es in der Wärme. Dann mischet es mit ‘Milch der Feige’ und kochet, bis jene Flüssigkeit in dem Zusammengesetzten ausgetrocknet ist; dies mischet hernach mit ‘Milch der Wurzel des Krautes’ und kochet, bis es austrocknet. Darauf befeuchtet es mit ‘Regenwasser’ und röstet, bis es austrocknet. Darauf besprengt es mit ‘Wasser des Taues’ und kochet, bis es ausgetrocknet wird. Ferner tränket es mit ‘immerwährendem Wasser’ und trocknet, bis es von äußerster Trockenheit wird. Nachdem dies alles vorangegangen ist, mischet es mit dem ‘Gummi’, das für alle Farben zubereitet wird, und kochet tüchtig, bis die Kraft des gesamten ‘Wassers’ vergeht, und trocknet seine gesamte Feuchtigkeit aus, indem ihr es durch Kochen einführt, bis seine Trockenheit verstärkt wird. Dann lasset es vierzig Tage stehen, daß es in jener Kochung verbleibt, bis der ‘Geist’ in den ‘Körper’ eindringt. Denn durch dieses Verfahren wird der Geist verkörperlicht und der Körper in einen Geist gewandelt. Beobachtet also das Gefäß, damit die Zusammensetzung nicht entweicht und in ‘Rauch’ aufgeht! Nachdem dies aber geschehen ist, öffnet das Gefäß, und ihr werdet euer Vorhaben (vollendet) finden. Dies also ist das Geheimnis des ‘Gummi’, das die Philosophen in ihren Büchern verborgen haben.

 

Dictum 19

Sprach Dardaris: Es ist bekannt, daß schon die Meister vom ‘immerwährenden Wasser’ berichtet haben. Der in diese Kunst Eingeführte soll daher nichts anfangen, bevor er nicht die Kraft dieses ‘immerwährenden Wassers’ kennt. Man soll aber bei der Mischung, der Zerreibung und dem ganzen Verfahren nichts als jenes bekannte ‘immerwährende Wasser’ gebrauchen. Wer also das ‘immerwährende Wasser’ nicht kennt und sein Verfahren, wie es sein soll, der trete nicht ein in diese Kunst, weil ohne das ‘immerwährende Wasser’ nichts geschieht. Seine Kraft ist ein ‘geistiges Blut’, weshalb es die Philosophen ‘immerwährendes Wasser’ genannt haben; denn mit dem Körper zerrieben, den die Meister euch vor mir auseinandergesetzt haben, verwandelt es mit Gottes Willen jenen Körper in Geist. Denn miteinander gemischt und vereinigt, verwandeln sie sich gegenseitig; der Körper nämlich nimmt den Geist auf, der Geist aber wandelt den Körper in einen wie Blut gefärbten Geist um. Und wisset, daß alles, was Geist besitzt, auch Blut besitzt; seid darum eingedenk dieses Geheimnisses!

 

Dictum 20

Sprach Bellus (Apollonios): Ihr habt sehr gut geredet, ihr Schüler!

 

Antwortete Pythagoras: Bellus (Apollonios), warum hast du sie Schüler genannt, da sie doch Philosophen sind?

 

Antwortete jener: Zu Ehren ihres Meisters, um ihn selbst nicht ihnen gleichzustellen.

 

Pythagoras aber antwortete: Die mit euch das Buch über diese Kunst verfaßt haben, das Turba genannt wird, dürfen nicht Schüler genannt werden.

 

Und jener: Jene Meister haben selbst sehr häufig das ‘immerwährende Wasser’ erwähnt, und haben das Weißmachen und Rotmachen auf viele Weisen beschrieben, nur mit verschiedenen Worten. Nachdem aber die Wahrheit verborgen war, sind sie einig, auf welche Weisen sie die Gewichte, die Zusammensetzungen und die Verfahren verbunden haben. Siehe, ich werde über dieses Verachtete, ruhmvoll Bekannte sprechen, das bei den Philosophen erhaben ist, das ein Stein ist und doch kein Stein, (und) das mit vielen Namen genannt wird, damit kein Unverständiger ihn erkenne. Denn einige Weise haben ihm nach dem Ort, wo er erzeugt wird, einen Namen verliehen, einige aber nach der Farbe, von denen einige ihn den ‘grünen Stein’ genannt haben, manche aber den ‘Stein des stärksten Geistes aus dem Kupfer, mit Körpern unmischbar’. Manche haben seine Beschreibung (wiederum) verändert, was bei denen, die die Steine verkaufen, welche ‘Gifte’ genannt werden, um Geld gekauft werden kann. Manche haben ihn ‘Speichel des Mondes’, manche nach den Sternen, manche auch nach den Zahlen benannt. So ist er mit Legionen von Namen benannt worden, von denen der beste ist, daß er ‘aus Metallen entsteht’; manche haben auch gesagt, er sei die ‘Chrysokolla’, manche auch, er entstehe aus Quecksilber mit ‘Milch der Fliegenden’. (weiter...)